Eröffnungsrede zur Einweihung der Haltestelle Geschichte am 1.05.2026

Liebe Anwesende,

wir eröffnen heute feierlich die Dauerausstellung „Haltestelle Geschichte“.

Die Ausstellung besteht im Wesentlichen aus den Schautafeln, die die Geschichts-AG im letzten Jahr für die 700-Jahr-Feier von Alt Rosenthal erstellt hat und die an verschiedenen Standorten im Dorf zu sehen war. Wir freuen uns sehr, die Dorfgeschichte jetzt in diesem Rahmen und unter einem Dach präsentieren zu können.

Das Dach, die Bushaltestelle, in der Ästhetik der Schwarz-Weiß-Filme aus den 50iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, wurde wesentlich von Micha, Friedel und Reiner im letzten Jahr gestaltet. Danke dafür.

Der Rahmen wurde wesentlich geprägt von der Kunst des Flo. Danke dir dafür, auch dafür, dass du die 50iger Jahre-Ästhetik nur punktuell ergänzt hast.

Kommen wir von Dach und Rahmen nun zum Inhalt des Gebäudes, der „Haltestelle Geschichte“.

Wir, die Geschichts-AG, also Almut, Doris, Dorit, Jörg, Reiner, Torsten und Friedel, der AG-Handwerker, haben im letzten Jahr in wenigen Monaten dazu eine Idee entwickelt, wie eine Dorfgeschichte geschrieben und vor allem dargestellt werden könnte.

Es war viel Handwerk dabei.

Zuerst das Handwerk der Historikerinnen.

Das Lesen von Urkunden, Chroniken oder Zeitungen vergangener Jahrhunderte in Archiven, die Auswertung von Erinnerungen, ob aus Büchern oder aus Gesprächen, also das Zuhören, das Graben im Erdreich, oder Numismatik – dies sind alles Methoden, mit denen sich die Historiker den Quellen eines historischen Ereignisses oder Gegenstandes nähern, um sich von einem Ereignis oder Gegenstand ein vermittelbares und zu lesendes Bild zu machen.

So haben wir es auch getan.

Die Texte und Bilder haben wir layoutet, auf DIN A3 gedruckt, laminiert und schließlich auf Holzplatten geklebt. Diese wiederum hatten wir an Vierkanthölzern verschraubt und in den Boden gerammt. Die Aufsteller für die 700-Jahrfeier, Handwerk.

Es war viiiiiiiiiel Handwerk dabei.

Diese Schautafeln findet ihr nun – ohne die Vierkanthölzer – in der „Haltestelle Geschichte“.

Kommen wir nun zum theoretischen Teil:

Geschichte ist nicht nur ein äußerer Rahmen, sondern ein konstitutives Element und ein Wesenszug der menschlichen Existenz. Die Geschichte macht den Menschen zu dem, was er ist; sie gibt dem Einzelnen, aber auch einem Kollektiv eine bestimmte Prägung, oder auch, um im Bild zu bleiben, ein Dach.

Dazu Beispiele:

Dass es in Alt Rosenthal fast nie regnet, prägt das Dorf und vor allem die Menschen, die hier leben. Das Wetter machte und macht Geschichte.

Dass der Zug in Alt Rosenthal hält, vor allem weiterhin hält, prägt das Dorf auf ganz besondere Weise. Dass es einen Bahnhof in Alt Rosenthal gibt, ist Ergebnis von Geschichte.

Dass seit längerer Zeit hier Ansässige und Zugezogene leben, prägte und prägt die Gespräche im Dorf, und ist bester Ausdruck der Dynamik von Geschichte, und alle bringen ihre Geschichten in die Gespräche und ihr Handeln mit. Und ab wann ist jemand ansässig?

Dass hier weiterhin geboren und zugezogen wird, lässt hoffen, dass die Geschichte Alt Rosenthals kein Ende findet, und das Dorf nicht wieder wüst liegen wird, wie im 15. Jahrhundert nach dem Durchzug der Hussiten.

Dass eine Kirche im Dorf steht … na, lassen wir sie stehen.

Die Rekonstruktion der Geschichte, das Handwerk, ist ein Instrument der Vergewisserung des Vorhandenseins von Geschichte und der Möglichkeit, sie zu benennen. Diese Vergewisserung verläuft über den Weg des Wissens, das benannt werden kann, und das mithilfe einzelner Geschichten vermittelt wird.

Auch hierzu Beispiele:

Wir wissen, dass die Straße, auf der wir stehen, in den 1980er Jahren von einigen Männern im Dorf gebaut wurde. Eigeninitiative ist das Stichwort.

Wir wissen, dass der Gutshof, der unweit von uns stand, steinerner Ausdruck einer gutsherrschaftlichen Zeit war, und die Reste des Gutshofes, die noch erhalten sind, Ausdruck vom Ende dieser Zeit sind.

Die Quellen ließen sich so lesen, dass die Kirche an ihrem ungewöhnlichen Standort, eher am Dorfrand, Ausdruck einer früheren Dorfanlage sei; Wege seien anders verlaufen, und Gebäude hätten entsprechend anders gestanden.

Aber da, der Konjunktiv deutet es an, stoßen wir mit den uns bekannten Quellen, dem Material des Historiker-Handwerks, an Grenzen, um gültige Aussagen zu treffen. Da gilt es weiter nach Quellen zu suchen und zu forschen. Da gilt es weiterhin Wissen zu schaffen. Das ist das Vorhaben der Geschichts-AG, weiter das Handwerkszeug der Historikerinnen zu nutzen. Weiterzumachen.

Das heißt auch, dass wir weitere Funde aus der Dorfgeschichte verarbeiten und damit die Dauerausstellung ständig erweitern wollen, vielleicht ist bald ein Anbau an der Bushaltestelle vonnöten …

Das heißt auch, dass wir Aussagen revidieren könnten. Wir könnten in den Archiven eine Quelle von 1231 finden, in der Alt Rosenthal als „Rosinental“ erstmals erwähnt wird, vielleicht der Urgroßvater von Nicolai, unserem ersten bekannten Vorfahren, der 1325 erwähnt wurde, und wir feierten dann in fünf Jahren unsern 800sten. Ein guter Gedanke?!

Bevor ich zum Ende komme, noch eine Fußnote:

Im Jahr 1913 veröffentlichte die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein ein Gedicht. Ich komme nicht umhin, diesen Satz in Alt Rosenthal zu zitieren. Im Gedicht heißt es: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“. Aber das Zitat soll nicht nur ausgesprochen werden, sondern mit Interpretation angereichert werden. Poetisch zugespitzt ist die Wortfolge „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ Ausdruck des aus der Philosophie bekannten „Satzes der Identität“. Dieser „Satz der Identität“ besagt, dass ein Ding nur mit sich selbst identisch sein kann. Ein A ist ein A. Eine Rose ist eine Rose. Eine Straße ist eine Straße, eine Kirche eine Kirche. Das ist auch wichtige Voraussetzung von Sprache. Wenn jemand von „Rose“ spricht, weiß das Gegenüber, dass nicht ein „Holunderbusch“ gemeint ist.

Nun unterliegen die Begriffe Wandlungen. Was früher „Bushaltestelle war“ war, ist heute „Haltestelle Geschichte“. Die Nutzung des Gebäudes ändert die Benennung, also die Übereinkunft in der Sprache. Was einmal „Rosintal“ genannt wurde, heißt heute „Alt Rosenthal“. Hat sich das Ding, das Dorf, geändert und deshalb eine neue Benennung? Und ändert sich die Identität des Dings, wenn die Benennung sich ändert? Diese Fragen lasse ich offen.

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, das mantra- oder rosenkranzartige dieses Satzes suggeriert Ruhe, birgt aber Dynamik. Auch diese Überlegungen sind Geschichte. Sie ist überall.

Ich ende jetzt und bedanke mich bei euch für das Zuhören. Die Rede wird Geschichte. Man kann es spüren. Es gibt den „Engel der Geschichte“, Walter Benjamin hat ihn nach einem Bild von Paul Klee beschrieben. Ich hoffe, dass die Rede dem Engel und euch ein Lächeln ins Gesicht zeichnet.

Vorgetragen von Torsten Trumpf